Wanderreiten mit Kind – Ziemendorf nach Prezelle

Um halb acht wache ich auf und gehe mit Gina als Gassirunde die Pferde versorgen. Leni schläft noch selig weiter. Als ich um 8 zurück im Zimmer  bin, wacht auch Leni auf. Wir gehen frühstücken und packen danach auf dem Zimmer die restlichen Dinge für unseren Wanderritt ein.  Dann gehen wir endlich abäppeln – Leni wartet tatsächlich schon fast sehnsüchtig darauf. Um halb zehn stehen die Pferde angebunden am Pferdehänger und wir teilen die Arbeit auf: Leni putzt beide Pferde und ich sattle und bepacke sie.

Nach anderthalb Stunden sind endlich beide Pferde sauber, gesattelt, in Zebras verwandelt, mit allen Gepäckstücken beladen, getränkt und aufgetrenst. Ganz schön viel Arbeit, wenn man für zwei die Pferde voll bepackt. Ich muss zugeben, dass ich in diesem Urlaub beschließe, die zukünftigen Wanderritte mal wieder mit Gepäcktransport zu buchen, wenn dies angeboten wird. Es ist für Rocco mit seinem ewigen Energieproblem durch die kaputte Lunge natürlich besser zu schaffen, wenn er nicht auch noch Gepäck mitschleppen muss. Ich muss es ihm eben so leicht wie möglich machen. Hier läuft Rocco recht motiviert voran, aber auch längst nicht mehr so wie zu früheren Wanderritten. Wir traben auch weniger und reiten sehr viel Schritt.

Um 11:30 Uhr starten wir dann in Ziemendorf und reiten in Richtung Westen vom Gelände. Unser erstes Zwischenziel auf dem Weg nach Prezelle ist natürlich die Pferdeschwemme im Ahrendsee. Wir reiten am Waldrand entlang und nehmen einen späten Abzweig nach links, um uns den Ritt durch den Ort Zießau zu sparen. An der Straße muss ich immer absteigen, Gina an die Leine nehmen wegen der Autos und gleichzeitig auf Hördur achten, dass er nicht plötzlich auf die Straße abbiegt. Er nimmt Lenis Versuche, ihn irgendwo hin zu lenken, nicht sonderlich ernst. Deshalb muss man immer bereit sein, wenn die Situation es erfordert. Deshalb ist es hier im Wendland generell auch so schön einfach zu reiten, denn Straßen trifft man kaum, befahrene Straßen noch weniger und Menschen unterwegs im Wald erst recht nicht. Selbst wenn Hördur also meint, eine andere Richtung einschlagen zu müssen – weil er der Meinung ist, dass es Zeit ist wieder nach Hause zu laufen – kann man ganz einfach antraben (denn diese „Durchgeher“ passieren nur im Schritt), sich den Zügel greifen und Leni helfen, das Pferd in die gewünschte Richtung zu bugsieren 😂🙈
Er ist einfach ein Sturkopf und nimmt alles unter 50Kg Reitergewicht nicht ernst.
Außerdem sind er und Rocco ständig der Meinung, kurz vor dem Verhungern zu stehen, und so wird wirklich jede Gelegenheit genutzt, um irgendwo an dem total vertrockneten Gras zu knabbern. Und auch jede nicht vorhandene Gelegenheit wird genutzt.
Auch dabei lässt Hördur sich nicht von der ihn antreibenden, an den Zügeln hochziehen wollenden Leni beeindrucken und grast selig weiter. Also muss ich Rocco vom Gras wegzerren, zurück zu Hördur, mir seinen Zügel greifen, mit ihm schimpfen und ihn mitnehmen. In der kurzen Pause, in der ich nach Hördurs Zügel greife, ergreift Rocco wiederum die Chance und beißt genüsslich in das neben uns liegende Maisfeld hinein. Argh! Kurze Unachtsamkeit nun Hördur gegenüber, und sein Kopf verschwindet auch im Mais.
Das ist ja zum ausflippen mit den beiden. Nachdem ich wie ein Rohrspatz geschimpft habe und Hördur wieder zum Handpferd degradiert habe, sind alle beleidigt und genervt. Leni und ich tadeln Hördur, dass er jetzt wieder im Kindergarten ist und deshalb als Handpferd laufen muss. Wer frech ist, wird Handpferd und darf nicht mehr frei laufen. Selbst schuld.
Auf dem Weg zur Pferdeschwemme macht Rocco an der Fischerei, an der man vorbeireitet, wieder ein fürchterliches Theater. Schon vor Jahren hat er sich hier stark gegruselt und auch damals ist er mir in das Feld zu unserer Rechten gerannt. Diesmal reite ich ihn rückwärts an der Fischerei vorbei, denn der Vorwärtsgang klemmt. Kurz darauf kommen eine abgekämpfte Jule, ein gestresster Rocco, ein weiterhin beleidigter Hördur, eine leicht verwirrte Leni (was ist heute mit den Pferden los?) und eine aufgekratzte Gina (da war eine Katze!) am See an.
Leni zieht ihre Schuhe und Socken aus, dann reiten wir, mit Hördur weiterhin als Handpferd, in den See.
Rocco steht ja nicht sonderlich auf das sich bewegende Wasser und will immer schnell zurück zum Ufer. Aber wir schaffen es noch einmal, den schönen Gang zwischen dem Schilf hindurch zu reiten und stehen kurz danach im offenen See. Ich liebe diese Pferdeschwemme. Dieser Moment, wenn man mitten im See steht.. einfach nur toll! Die Pferde laufen plötzlich schnurstracks weiter, als ob sie den See durchqueren wollten. Das wollen wir mit unserem ganzen Gepäck ja nun doch besser nicht.
Gina schwimmt wie immer mit großem Abstand neben uns her.
Nachdem wir die Schwemme verlassen haben, steigen wir ab und lassen die Pferde das saftige Gras fressen, damit wir erstmal Ruhe vor ihrem Fresswahn haben. Leni zieht sich ihre Reitstiefletten wieder an und kurze Zeit später tritt der olle Hördur ihr mit vollem Gewicht auf den Fuß!
Ein paar große Tränen und erneut eine kurze Schimpftirade mit Hördur „mir egal wo du stehst“ später kühlt Leni ihren Fuß im See, cremt ihn dick mit Latschekiefer Salbe ein und zieht tapfer Socke und Schuh wieder an. Das Auftreten tut noch weh, der Schreck sitzt noch in ihren Knochen. Wir besprechen, dass wir eine halbe Stunde Schritt entlang der Route reiten und uns dann Lenis Fuß erneut ansehen. Wenn er blau wird, brechen wir sofort ab und fahren zum nächsten Arzt oder Krankenhaus.
Irgendwann steigt Leni wieder in ihren Steigbügel und sagt, es geht schon besser. Derweil reiten wir einen nicht eingezeichneten Weg zwischen Gerstefeldern entlang, der parallel zu unserem verläuft. Wir treffen eine Reh-Familie und dann huscht, leider etwas verdeckt vom Gebüsch, ein weißes Dammwild davon. Schade, dass ich es Leni nicht nochmal zeigen konnte, da war es schon spurlos verschwunden. Gina zieht derweil ständig an ihrer Leine, die ich ihr sofort angelegt habe, als Familie Reh in Sicht kam.
So habe ich links eine ziehende Gina und rechts in der Hand einen Rocco, der doch immer mal wieder Versuche startet, Gras vom Weg zu fressen. Irgendwann müssen meine Arme davon länger werden…
Leider endet unser Weg mitten an einem Feld. Der Parallelweg ist nur 50Meter von uns entfernt und im Feld verlaufen die Spuren des Traktors, der das Gerstefeld bestellt. Also nehmen wir spontan eine der breiten Reifenspuren und zerstören so nicht weiteres Getreide. Am Ende der Traktorspur folgt ein ausgetrockneter Graben. Leni muss nun auch absitzen, Gina darf von der Leine – alles Wild ist weg und ich lasse zuerst Rocco alleine durch den Graben klettern. Leni nimmt ihn mit Sicherheitsabstand auf der anderen Seite in Empfang. Dann folge ich mit Hördur am langen Strick. Er klettert ebenfalls tapfer durch den Graben und schon stehen wir alle wieder auf einem richtigen und hier so typischen Sandweg.
Die Pferde dürfen grasen und wir inspizieren Lenis Fuß.
Es ist nichts mehr zu sehen! Es kann also ganz normal weiter gehen. Wir sitzen wieder auf und traben bald mal wieder an.
Wir tauchen wieder in den Wald ein und treffen wieder einmal auf das grüne Band – den ehemaligen Grenz- bzw. Todesstreifen.
Wir folgen im nur ein kurzes Stück und reiten dann weiter nach Norden. Wir traben noch einmal, dann finden wir eine Stelle mit viel saftigem Gras und halten an. Pause!
Wir haben nun 9km hinter uns und noch 7-8km vor uns.
Leni setzt sich mit allem ess- und trinkbaren auf den grasbewachsenen Waldweg, während ich die Pferde am langen Seil grasen lasse. Nach 10Minuten binde ich erst Hördur, dann Rocco hoch angebunden an einen Baum. Rocco knabbert immer mal wieder an der Buche neben sich und döst dann. Hördur läuft unruhig um seinen Baum herum knabber mal hier, mal da. Kratzt sich, dreht sich, buddelt genervt mit dem Huf…
irgendwann gebe ich es auf, seinen Strick höher und höher anzubinden und lege mich auf den Waldboden. Ich bin wohl kurz eingenickt, aber als ich wieder hochschaue, spielt Leni neben mir weiterhin mit Tannenzapfen und beide Pferde dösen entspannt.
Nach einer Stunde Pause ziehen wir weiter. Wir führen die Pferde ein Stück, dann sitzen wir auf und reiten weiter. Der Wald gehört weiterhin uns allein, niemand ist zu sehen. Es duftet wie immer nach Baumharz und Tannennadeln. Und nach Sommer im Wald. Wir traben ein längeres Stück und stellen danach fest, dass es ein ganzer Kilometer war. So lange ist Leni glauben wir noch nie am Stück getrabt. Wir traben kurz danach wieder und galoppieren an. Hördur scheint sich so sehr darüber zu freuen, dass er erstmal ein paar kleine Buckler hinlegt. Leni hält sich tapfer, wir traben sicherheitshalber erstmal weiter. Nach einer kurzen Schrittpause galoppieren wir noch einmal und Hördur ist diesmal brav. Ein letztes Mal muss ich absitzen, um Gina Wasser zu geben. Es gibt weit und breit nichts zu trinken und auch für die Pferde wird es wohl bald mal Zeit. Aber in 1,7km sind wir eh am Ziel. Ich gebe den Pferden den Inhalt meiner 2. Wasserflasche, aber nur Rocco trinkt. Wir traben noch einmal. Der Wind frischt auf und kühlt unsere verschwitzten Gesichter. Kurz darauf endet der Weg in einer asphaltierten, unbefahrenen Landstraße und wir lassen die Pferde Schritt gehen. Zehn Minuten später erreichen wir den Ort Prezelle und sitzen ab.
Wir führen die Pferde durch den süßen, ruhigen Ort und landen leider erst einmal an der privaten Adresse von Christiane und Peter. „Die Wanderreitstation befindet sich in der Dorfstr. 55/57“ steht auf einem Zettel. Leider zeigt meine App „Maps3D“ die Dorfstr. nicht mit Namen an und Netz für GoogleMaps habe ich nicht. Hmmm. Wir wandern einfach mal weiter und zum Glück kommt Chrisitiane uns schon mit dem Fahrrad entgegen, um uns einzusammeln.
Wir kommen auf einen gemütlichen Hof, dem die Jahre anzusehen sind. Christiane erzählt uns, dass hier 20 Jahre lang Mieter gewohnt hätten und sich nicht um die Pflege der Gebäude gekümmert hätten. Sie wollen hier nun selbst wieder einziehen, aber dafür gibt es noch einiges zu tun.
Die Pferde kommen auf ein Stück Weide mit verbranntem Gras – hier im Osten scheint der heiße Frühling noch heftiger gewesen zu sein. Es gibt frisches Heu und Christiane zeigt uns die Boxen mit kleinen Paddocks davor für die Nacht, so dass Rocco mal in Ruhe schlafen kann, ohne von Hördur aus der Box gescheucht zu werden.
Unsere Ferienwohnung ist sehr schön und hat alles, was man braucht. Zu Lenis Freude sogar einen Fernseher.
Nach anderthalb Stunden kommt Christiane mit einem riesigen vegetarischen Nudelauflauf und wir essen gemeinsam. Danach bringen Leni und ich die Pferde ins Bett und Leni darf vor dem Fernseher etwas abschalten.

 

Lenis Zusammenfassung des Tages:

GPS-Route für Nachreiter:

Wanderreiten mit Kind Ziemendorf-Prezelle GPS